04.12.2007: Offener Brief zur GHS Neucronenberger Str. » Zurück


04.12.2007
Martin Ehrlich
Schulleiter GHS Neucronenberger Str.


An die
Fraktionsvorsitzenden der SPD, CDU, FDP, ProOP

Offener Brief an
- Lokale Informationen
- Wochenpost

Brauchen wir die dritte Gesamtschule?
- Stadtratsbeschluss vom 22.10.2007
- Podiumsdiskussion am 28.11.2007 im Leverkusener Forum
- Anzeigenkampagne der Parteien

Sehr geehrte Damen und Herren!

"Die Entscheidung für eine neue Gesamtschule richtet sich nicht gegen die Realschulen und Gymnasien unserer Stadt", so schreibt beispielsweise der Fraktionsvorsitzende der SPD, Dr. Walter Mende, in einer ganzseitigen Zeitungs-Anzeige.

Gegen wen richtet sich denn dann diese Stadtrats-Entscheidung vom 22.10.2007 ...

Für mich als engagiertem Lehrer und derzeitigem Schulleiter an der Leverkusener Gemeinschafts-Hauptschule Neucronenberger Str. ist diese Formulierung eine offen ausgetragene Missachtung unserer täglichen, unter hohem pädagogischen und persönlichen Einsatz geleisteten Arbeit an dieser Schulform, die wir im Dienst uns anvertrauter Kinder und Jugendlicher gestalten.

Allseits reden uns Politiker diesen Einsatz schön, mit dem Bedauern, dass diese Arbeit zu wenig Unterstützung erfährt, noch entsprechend honoriert wird.

Und nun geht diese Anzeige, im Ranking mit Äußerungen anderer kommunaler Parteien unter die Gürtellinie aller derer, die mit Überzeugung und intensivem Einsatz an den Hauptschulen unserer Stadt wirken.

Wie anders sollen wir denn Ihre Anstrengungen zur Veränderung der Leverkusener Schullandschaft sonst verstehen?

Wir als Hauptschul-Kollegium sind davon überzeugt, dass eine nicht geringe Schülerschaft neben Realschule, Gymnasium, Gesamtschule, zu nennen auch die Förderschule, kleine, überschaubare Schulsysteme der Sekundarstufe I benötigt, wo sie am besten ihre individuellen Fähigkeiten in liebevoller Nestwärme entwickeln kann. Diese stadtteilorientierten Systeme benötigen gezielte, vor allem personell gut aufgestellte Unterstützung, die uns zunehmend vorenthalten wird. Trotz besseren Wissens wird die Hauptschule vielfach negativ dargestellt und als Restschule etikettiert.

Während der Podiumsdiskussion im Leverkusener Forum am 28.11.2007 äußerte Frau Lux (SPD) sogar: "Die Hauptschule ist tot", obwohl wir jeden Tag vor Ort aufs Neue mit Lust, Freude und Lebenselixier mit unseren Schülern Schule lebbar gestalten, Erfolge vorzuweisen haben.

Da vor allem die Stadt Leverkusen aufgrund ihres desolaten Haushaltes die Haushaltsmittel sorgsam zu verwalten hat, plädiere ich hiermit weiterhin für den Erhalt kleiner, überschaubarer Lernsysteme innerhalb der übrigen Schullandschaft und als Lobby für unsere Schülerschaft.

Stützen Sie uns, wie ich es in der Podiumsdiskussion darlegte, vor allem mit personellen Mitteln:

- Schul-Cafeteria, Mittagessen und Mittags-Betreuung
(bisher ehrenamtlich, überwiegend von der Lehrerschaft angeboten)
- individueller Förder-Unterricht
- Silentium an allen Nachmittagen
- Stärkung des Trainingsraum-Konzept (durch Personal)
- weitere Sozialarbeit vor Ort
- erweiterter AG-Bereich
- Betreuung einer Spieleausgabe in den Pausen (1 -Job etc.)
- Kleine Lerngruppen


Durkadin Aydin ist 2007
die beste Hauptschülerin in NRW


Durkadin Aydin besuchte die Gemeinschafts-hauptschule Neucronenberger Straße in Leverkusen und schloss mit einem Notendurch-schnitt von 1,2 als Beste bei den Hauptschülern Nordrhein-Westfalens ab.



Durkadin Aydin
Ministerpräsident Jürgen Rüttgers
Schulministerin Barbara Sommer

Dieser Einsatz scheint mir effektiver und für die Stadt auch preiswerter zu sein als die Installation einer weiteren Gesamtschule in Leverkusen.

Im Übrigen sollte den Empfehlungen unserer Grundschulkollegen für weiterführende Schulen mehr Gewicht beigemessen worden, als den gut gemeinten, oftmals aber unrealistischen und manchen Schüler überfordernden Elternwünschen. Unter dieser Berücksichtigung sind die genannten 129 von den Gesamtschulen im letzten Jahr abgelehnten Kinder und in den Folgejahren etliche (gescheiterte) Rückläufer verschiedener Schulformen doch von Anfang an Schüler unserer Schulform.

Sicherlich trägt die derzeitige Anzeigen-Kampagne weiter zur Verunsicherung entsprechender Eltern bei, was eher dem Politikstreben einzelner Parteien (Wahlkampf), als der schulischen Grundversorgung dieser Kinder mit unserer Professionalität dient.

Martin Ehrlich
Lehrer und Dipl.-Sozialarbeiter

Dieses Schreiben wurde vom Kollegium der GHS Neucronenberger Str. unterstützend zur Kenntnis genommen.